NZZ Digest

Artikelübersicht & Leseempfehlungen
Sonntag, 15. Februar 2026 · NZZ am Sonntag · 52 Seiten + Magazin 32 Seiten
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Sonntag, 15. Februar 2026

NZZ am Sonntag · 52 Seiten
Titelthema

Haben wir genug von Social Media?

Nicole Althaus, Patrizia Messmer
Sieben Gründe, warum Instagram und Co. ihren Höhepunkt überschritten haben. Sinkende Nutzerzahlen, Algorithmus-Fatigue, KI-generierter «Slop».
International

Gift in Babymilch offenbart strukturelle Probleme

Mirko Pluess
Cereulid-Verunreinigung durch chinesischen Zulieferer. Novel-Food-Zulassung versagt. 60+ Länder mit Rückrufen.

Florenz verbietet Werbung für klimaschädliche Produkte

Virginia Kirst
SUV-, Kreuzfahrt- und Flugreisenwerbung verboten. Nach Amsterdam, Edinburgh, Stockholm.

Trumps Visa-Regeln schaden New Yorks Tourismus

Marie-Sophie Müller
Besucherschwund −4,2%. Social-Media-Offenlegung der letzten fünf Jahre gefordert. Kanada boykottiert.

FCAS-Kampfjet scheitert

Markus Bernath
3 Mrd. Euro für Planungsstudien verbrannt. Airbus vs. Dassault unversöhntlich. Europa produziert 14 Panzertypen, 24 Artilleriesysteme, 15 Kampfjets.

Grönlands Hundeschlittenpatrouille

Frederik Tillitz
Sirius-Patrouille: 12 Männer, 69 Schlittenhunde, minus 50 Grad. NATO-Mission «Arctic Sentry» als Signal an Washington.

Ukrainische Deserteure erzählen

Lieselotte Hasselhoff
50'000 Verfahren wegen Fahnenflucht. Drei Schicksale: Serhi (44), Anton (27), Iwan (33).
Schweiz

Französische Alternative zu US-Patriots

Georg Humbel, Hannes Boos
Eurosam bietet Mamba-System, Lieferung bis 2029. 700 Mio. Anzahlung bereits geleistet. Ausstieg wäre geopolitisches Signal.

Die Mullahs von Schlieren

Ladina Triaca
Iran besitzt Moschee im Kanton Zürich. Leiter leitete in DE ein wegen Extremismus verbotenes Zentrum.

Individualbesteuerung: Projekt für Privilegierte?

Gina Bachmann
Abstimmung 8. März. Gewerkschaften kritisch, 630 Mio. Steuerausfälle. SP-Sektionen Neuenburg und Glarus sagen Nein.

Klimafonds-Initiative hat schweren Stand

Stefanie Pauli
60% dagegen. Bürgerliches Pro-Komitee versucht Totalflop zu verhindern. Initiative verlangt 9 Mrd./Jahr.

Schulen werden zum Spielsalon

Gina Bachmann
Lern-Apps wie Anton mit Suchtcharakter. Kinderpsychiaterin warnt: Kinder lösen Aufgaben unter Niveau für schnelle Münzen.
Debatte

Das Gute an der grossen Zerstörungswut

Gordana Mijuk
Trump als Symptom, nicht Ursache. «Wrecking ball politics». Angst könnte heilend sein — wenn Europa seine Demokratien repariert.

Rojava: Ende einer Utopie

Sebastian Backhaus, Karin A. Wenger
Kurdisches Feministenprojekt vor dem Aus. Realität war komplexer als die westliche Projektion.

Ian Bremmer: «Trump ist nicht kompetent genug»

Alain Zucker (Interview)
Trump wird scheitern: Verliert Zwischenwahlen, Gegenwehr von Gerichten, zu undiszipliniert. China als Hauptprofiteur.

Europa als Topfpflanze

Andreas Roedder
Von der Eiche zur Topfpflanze in 100 Jahren. Mangel an Innovation, demografischer Wandel. Aber: kein Naturgesetz.
Wirtschaft

Economiesuisse hat die Wirtschaft verloren

Guido Schätti
Kein Spitzenmanager will Präsidium. Beim US-Zoll-Deal spielte der Verband keine Rolle — fünf Unternehmer holten die Kastanien aus dem Feuer.
Sport & Kultur

Ilia Malinin: Der «Quad God» stürzt

Karin A. Wenger
Favorit patzt, wird Achter. Umarmt Sekunden später den schockierten Sieger Schaidorow aus Kasachstan.

Luca Hänni kommt ins Kino

Claude Menzi
Hauptrolle im Film «Ewigi Liebi». Allround-Entertainer mit geschätztem Vermögen von 5–10 Mio.
Nachrufe

James Sallis (81)

Urs Tremp
«Drive»-Autor, «der beste Krimiautor, von dem Sie nie gehört haben».

Karl Lüeönd (80)

Prägende Figur der Schweizer Medienwelt. Blick-Chefredakteur, Zürcher Journalistenpreis für Lebenswerk.

Cees Nooteboom (92)

Niederländischer Schriftsteller. «Rituale» (1980). Auf Menorca gestorben.

Leseempfehlungen

Ian Bremmer: «Trump ist nicht kompetent und diszipliniert genug»

Alain Zucker (Interview)
Beste Geopolitik-Analyse der Woche
Ian Bremmer prognostiziert trotz Trumps Disruption dessen Scheitern. Die Epstein-Akten schaden ihm nachhaltiger als frühere Skandale, weil sie sein zentrales Versprechen untergraben: den Sumpf trockenzulegen. Stattdessen ist er selbst Teil der «Epstein-Klasse» und schützt Komplizen. Trump wird an drei Faktoren scheitern: Er verliert die Mehrheit im Repräsentantenhaus, stösst auf Gegenwehr der Bundesstaaten und Gerichte, und ihm fehlt die Disziplin für eine echte Revolution. Seine Abhängigkeit von reichen Beratern, die an Profit statt Systemwechsel interessiert sind, bremst ihn. Die neue Weltordnung wird multipolar: wirtschaftlich dominieren USA, China, Indien und EU; militärisch die USA; technologisch setzen private Konzerne die Regeln. Im KI-Wettlauf liegt China bei Robotik vorn, die USA bei Halbleitern — ohne Regulierung droht ein gefährliches Wettrüsten. Bremmer sieht die Disruption letztlich als notwendig, weil das alte System nicht auf Klimawandel, neue Technologien oder Chinas Aufstieg reagieren konnte.

Haben wir genug von Social Media?

Nicole Althaus, Patrizia Messmer
Direkt relevant für Agentur- und Kommunikationsstrategien
Social Media haben ihren Höhepunkt überschritten — sieben Gründe: (1) Seit 2012 wurde das Vernetzungsversprechen durch Monetarisierung ausgehöhlt. (2) Algorithmen kuratieren seit 2016 Feeds nach Verweildauer statt chronologisch. (3) Auf Facebook stammen nur 17%, auf Instagram nur 7% der Inhalte von eigenen Kontakten — 83–93% sind Werbung, Influencer oder KI-generierter «Slop». (4) Endloses Scrollen spricht das Belohnungszentrum an; Studien belegen negative Folgen für Körperbild, Schlaf, Angststörungen. (5) Meta und Musk schraubten Fact-Checking zurück. Länder reagieren mit Altersverboten — eine Kapitulation. (6) Byung-Chul Han spricht vom «Terror der Sichtbarkeit»; personalisierte Feeds führen zu digitaler Isolation. (7) Nutzerzahlen sinken (DE: Teenager auf Instagram/TikTok −12%), 3000 Klagen in Kalifornien wegen Sucht-Algorithmen, Offline-Clubs boomen. Der kollektive Kater könnte das Ende unreflektierter Nutzung markieren.

Economiesuisse hat die Wirtschaft verloren

Guido Schätti
Spontane Netzwerke schlagen Verbände
Economiesuisse hat nicht nur die Bevölkerung verloren (13. AHV-Rente), sondern nun auch die Wirtschaft selbst: Kein Spitzenmanager war bereit, das Präsidium zu übernehmen. Silvan Wildhaber springt ein — ein weitgehend unbekannter Textilunternehmer. Beim wichtigsten Ereignis der letzten Jahre — dem Zoll-Deal mit den USA — spielte der Verband keine Rolle. Ein Zuger und vier Genfer Unternehmer holten mit ihrer Goldbarren-Offensive die Kastanien aus dem Feuer und stimmten Trump gnädig. In der turbulenten Gegenwart sind spontane Netzwerke und persönliche Beziehungen wichtiger als schwerfällige Verbandsstrukturen. Wenn es darauf ankommt, ist die Schweizer Wirtschaft auch ohne Economiesuisse handlungsfähig.

FCAS-Kampfjet: Die Schwätzer

Markus Bernath
Lehrbeispiel für gescheiterte Grossprojekte
Europas grösstes Rüstungsprojekt ist gescheitert. 2000 Ingenieure und über 3 Milliarden Euro für Planungsstudien waren umsonst. Airbus Defence und Dassault Aviation streiten unversöhntlich: Dassault besteht auf technischer Führerschaft («besserer Athlet»), während Airbus nur Drohnen bauen soll. Hinter dem Streit steht ein ideologischer Konflikt: Frankreichs Neogaullismus gegen den EU-Binnenmarkt. Dassault-Chef Trappier, politisch dem Rassemblement National nahestehend, lehnt Überstimmung ab; Macron kann ohne Parlamentsmehrheit nicht durchregieren. Politiker verkünden europäische Projekte, dann streiten Unternehmen über Aufteilung und Arbeitsplätze — nationaler Egoismus gegen europäischen Pathos. Europa produziert weiter 14 Panzertypen, 24 Artilleriesysteme, 15 Kampfjetmodelle — Zersplitterung statt Synergien.

Europa als Topfpflanze

Andreas Roedder
100 Jahre europäischer Abstieg in einem Essay
Vor hundert Jahren beherrschte Europa die Welt. Der Aufstieg gelang im 18. Jahrhundert durch die «europäische Fortschrittsmaschine»: Aufklärung, Industrialisierung, Naturwissenschaften, Rechtsstaat, Markt und Wettbewerb. Doch die überschiessende Dynamik schlug um: «Wir wollen den Krieg verherrlichen», schrieb Marinetti 1909. Zwei Weltkriege beendeten Europas Dominanz. 1989 schien die Stunde Europas gekommen, die EU als Vorbild globaler Ordnung. Die Lissabon-Strategie 2000 («wettbewerbsfähigster Wirtschaftsraum der Welt») blieb Illusion wie Marinettis Futurismus. Heute: Mangel an Innovation, demografischer Wandel, Mehrebenensystem verhindert Reformen. Resultat: «Topfpflanzen in der dritten Reihe», so Wolfgang Ischinger. Aber: Auch das ist kein Naturgesetz mit Ewigkeitsgarantie.

Schulen werden zum Spielsalon

Gina Bachmann
Gamification-Kritik, relevant für UX-Design und Engagement-Ethik
Lern-Apps wie Anton verwandeln Schweizer Schulen in digitale Spielsalons. Die App belohnt Aufgaben mit Münzen, Avataren und Games — Kinder rasen durch Übungen, nur um zu gamen. Neurowissenschaftlerin Barbara Studer beobachtete bei ihrem Sohn: Lernen geriet aus dem Fokus. Der Grund: Dopamin-Kicks durch Belohnungen; gewöhnt man sich daran, fällt intrinsische Motivation schwer. Kinderpsychiaterin Dita von Aster warnt vor Suchtcharakter: Kinder lösen Aufgaben unter ihrem Niveau für schnelle Münzen, konzentrieren sich auf normale Hausaufgaben nicht mehr. Übermässiges Lob («Astrein, monstermaessig!») verliert seine Wirkung. Dänemark entschuldigte sich 2023 dafür, Kinder zu «Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment» gemacht zu haben. Von Aster plädiert für Zurückhaltung: «Wenn Kinder zerstreut sind, haben sie oft einfach zu viel Bildschirmzeit.»

Sonntag, 15. Februar 2026 — Magazin

NZZ am Sonntag Magazin · 32 Seiten
Reportage

Das Korn, das die Welt ernährt: Reisanbau im Tessin

Urs Bühler
Seit 30 Jahren Reis im Maggia-Delta. Sorte Loto, Trockenanbau, Premiumprodukt «Riso Nostrano» zu viermal höherem Preis.

Anwärter auf die Weltherrschaft: Der Mäusekampf

Susanna Petrin
Tragikomische Chronik des Kampfes gegen Mäuse in Washington DC. Peter-Singer-Chatbot zur Tierethik. Parabel über gescheiterte Kontrolle.
Interview

Kerry James Marshall: «Gibt es schwarze Kunst?»

Susanna Koeberle
Einer der wichtigsten zeitgenössischen Maler. Schwarz als Farbe neu definiert. Retrospektive ab 27. Februar im Kunsthaus Zürich.
Kolumnen & Service

Würde und Wahn: Der Zuhörer

Nelio Biedermann
Literarische Miniatur über eine Tramfahrt. Präzise Beobachtung, rhythmische Sprache.

Selbstbetrachtung: Oliver Bur

Zürcher Koch (34), Restaurant Casarre in Santo Domingo. Traumgäste: Frantz Fanon, Jay-Z, AOC.

Weinkeller: Caroline Frey im Wallis

Peter Keller
Renommierte Önologin gibt drei französische Top-Güter ab, kauft Kleinbetrieb in Fully. Quintessence Syrah 2023 als grosses Versprechen.

Zu Gast: Suvretta House St. Moritz

Lea Hagmann
Neu gestalteter Spa. Panorama-Whirlpool, Glacial-Cold-Pool, Reformer-Pilates mit Bergblick.

Wandern: Fähnerenspitz

Heinz Staffelbach
Schneeschuhwanderung ab Brülisau. 8,3 km, 610 Höhenmeter, 4¾ Stunden.

Leseempfehlungen Magazin

Kerry James Marshall: Der Mann, der das Schwarz neu erfand

Susanna Koeberle
Meister des visuellen «Brand Building» und kulturellen Kapitals
Kerry James Marshall (1955, Birmingham) zählt zu den bedeutendsten afroamerikanischen Malern und macht schwarze Menschen in weissen Kulturinstitutionen sichtbar — nicht als Opfer, sondern als selbstermächtigte Wesen. Seine Retrospektive «The Histories» kommt ins Kunsthaus Zürich, mit dem monumentalen «Haul» (2025), das die Beteiligung von Afrikanern am Sklavenhandel thematisiert — ein Tabu: «Wenn wir nicht darüber reden, wie die Dinge wirklich abliefen, nehmen wir den Menschen ihre Handlungsmacht.» Seine Figuren sind in absolutem, tiefem Schwarz gemalt, das die Leinwand zum Leuchten bringt. Er begann mit drei Schwarztönen, mischte chromatisch und fragte: «Wird ein schwarzer Gegenstand im Schatten noch schwärzer?» Sein Gemälde «Past Times» wurde 2018 für 21,1 Millionen Dollar versteigert — Rekord für einen lebenden afroamerikanischen Künstler. Marshall sieht seine Arbeit nicht als Propaganda, sondern als «Gegenarchiv»: «Ich schreibe die Geschichte nicht um, ich füge nur Kapitel hinzu.»

Das Korn, das die Welt ernährt: Reisanbau im Tessin

Urs Bühler
Innovation, Nischenpositionierung und Premium-Storytelling
Seit 1997 wächst Reis im Tessiner Maggia-Delta. Was auf 2 Hektaren begann, umfasst heute 50 Hektaren — die Terreni alla Maggia ist grösster Reisproduzent der Schweiz. Die Sorte Loto, ein Verwandter des Carnaroli, wird im seltenen Trockenanbau kultiviert — umweltfreundlicher als Nassanbau, aber kostspielig und ertragsärmer. Pro Hektare werden 250 kg gebeizte Samen mit GPS-Technik ausgesät. Von den 100 Tonnen Jahresernte gehen 40–50% in der Verarbeitung verloren. Das Label «Riso Nostrano» kostet viermal so viel wie italienischer Risottoreis im Coop — und ist trotzdem komplett ausverkauft. Mittlerweile wird auch im Mittelland experimentiert (19 Hektaren, u.a. «Riz du Vully»). Die Ernte 2025 war mit 110 Tonnen beinahe Betriebsrekord. Ein Direktsaat-Experiment scheiterte allerdings: Das Unkraut wucherte, 2 von 55 Hektaren waren «futsch».

Weinkeller: Caroline Frey kehrt ins Wallis zurück

Peter Keller
Masterclass in Premiumpositionierung: Von Bordeaux zu den Wurzeln
Die Schweizer Önologin Caroline Frey, «Rebenflüsterin» laut dem deutschen Magazin «Fine», hat aus gesundheitlichen Gründen drei französische Top-Weingüter abgegeben (Chateau La Lagune, Paul Jaboulet, Chateau Corton Caroline). Stattdessen kümmert sie sich nun um einen Kleinbetrieb in Fully im Wallis — sechs Hektaren Rebfläche in kleinen Terrassen. Sie ist vom alpinen Terroir und einheimischen Rebsorten angetan, besonders vom Petite Arvine. Ihr erster Jahrgang 2023 ist auf dem Markt: Der Quintessence Syrah ist «aromatisch vielschichtig mit Noten von schwarzen Früchten und Pfeffer, kräftig, elegant, komplex, tiefgründig» — nur 3065 Flaschen, 60 Franken. Reifepotenzial: zehn Jahre.