Iran-Krieg (Titelseite & Seiten 2–3)
Europäer wollen keinen Iran-Einsatz
Antonio Fumagalli
Trump fordert Nato-Mithilfe in der Strasse von Hormuz und droht mit «sehr schlechter Zukunft» für die Allianz. Deutschland, Italien und Spanien lehnen ab: «Es ist nicht unser Krieg.» Grossbritannien, Frankreich und Dänemark zeigen sich offen. EU-Chefdiplomatin Kallas schlägt Getreideabkommen-Modell über die Uno vor.
«Ein ungutes Gefühl ist kein Annullationsgrund»
Dieter Bachmann
Reiseexperten ordnen Flugsituation ein: Passagiere haben bei Flugausfällen Recht auf Rückerstattung, müssen aber keine Gutscheine akzeptieren. Allgemeine Verunsicherung berechtigt nicht zur Stornierung. Ausweichrouten bringen wenig, da Flugkorridore überall ausgelastet sind.
Das Fed steht vor einem Dilemma
André Müller
Iran-Krieg stellt US-Notenbank vor Zielkonflikt: Inflation bekämpfen oder Wirtschaftsschwäche? Benzinpreise 20% über Vorkriegsniveau, Inflation könnte auf 3% steigen. Leitzins bleibt bei 3,5–3,75%. Trump fordert Sondersitzung und Zinssenkungen, Strafuntersuchung gegen Fed-Chef Powell hängt über Notenbank.
Iran hat viele Drohmittel
Andreas Rüesch, Jonas Roth
Paradox der US-Macht: grösste Armada seit 1991, dennoch Strasse von Hormuz nicht unter Kontrolle. Iran verfügt über 5000–6000 Seeminen, Anti-Schiff-Raketen bis 1000 km Reichweite, tausende Schnellboote und Unterwasserdrohnen. Experte: «Militärisch nicht lösbar.» Pentagon setzt auf Bombardierung bis zum Waffenstillstand.
Trump kann nicht auf Hilfe aus Asien zählen
Patrick Zoll
Japan bezieht 90% seines Rohöls aus der Golfregion, Südkorea 70%, China die Hälfte. Trotzdem will keine Regierung Kriegsschiffe entsenden. Japan und Südkorea hätten militärisch einiges zu bieten, insbesondere Aegis-Zerstörer und Minenräumfähigkeiten. China kalkuliert: Jede Rakete gegen Iran ist eine weniger gegen Peking.
International
Le Pen nimmt Anlauf auf die Rathäuser
Daniel Steinvorth
Erste Runde der französischen Kommunalwahlen: RN-Kandidaten in 58 Kommunen vorn, Perpignan im ersten Wahlgang gewonnen. In Marseille enger Kampf (36% vs. 35%). Paris bleibt wohl sozialistisch (Grégoire 38%). Macronisten fast bedeutungslos auf kommunaler Ebene. LFI gewinnt Saint-Denis.
Die rechte Mitte in Europa sucht neue Mehrheiten
Florian Eder
Streit über Chatgruppe der EVP-Fraktion mit rechten Parteien. In Deutschland parteiübergreifende Empörung, in Brüssel eine Randnotiz. Söder «irritiert und verstört». Weber weist Zusammenarbeit mit AfD zurück. Grundsatzfrage: Sollen Volksparteien Wähler den Rändern überlassen?
Serbien setzt auf chinesische Raketen
Patrick Zoll
Serbien beschafft CM-400-Luft-Boden-Raketen aus China mit bis zu 400 km Reichweite und vierfacher Schallgeschwindigkeit. Zagreb alarmiert: Fast ganz Kroatien erreichbar. Serbien ist zweitwichtigster Exportmarkt für chinesische Waffen. Plenkovic kontaktiert Nato-Generalsekretär Rutte.
Woronesch sehnt sich nach Normalität
Markus Ackeret
Reportage aus der zentralrussischen Millionenstadt nahe der ukrainischen Grenze. Nächtlicher Luftalarm ist Alltag, Internet grossflächig eingeschränkt. Wirtschaftliche Lage verschlechtert, Geschäfte schliessen. «Die Leute wollen, dass der Krieg aufhört, egal zu welchen Bedingungen.» Neue Emigrationswelle von Programmierern nach Serbien.
Polens Luftwaffe fängt russischen Aufklärer ab
dpa
Neunter Vorfall seit Jahresbeginn: Iljuschin IL-20 über der Ostsee ohne Flugplan und mit ausgeschaltetem Transponder unterwegs, von zwei polnischen MiG-29 eskortiert.
SPD und CDU besiegeln Koalition in Brandenburg
spa
Ministerpräsident Woidke und CDU-Landeschef Redmann unterzeichnen Koalitionsvertrag. Mehr Stellen für Lehrer und Polizisten, aber auch Sparkurs. BSW-Koalition war im Januar zerbrochen.
Sarkozy kämpft in Berufung gegen Haftstrafe
dpa
Frankreichs Altpräsident vor Berufungsgericht wegen angeblicher Wahlkampfgelder aus Libyen. In erster Instanz zu fünf Jahren Haft verurteilt und zeitweise inhaftiert.
Chiles neuer Präsident lässt Grenzbefestigung ausbauen
dpa
José Antonio Kast setzt Wahlversprechen um: Gräben, Zäune und Mauern an der Grenze zu Peru gegen Drogenhandel und illegale Migration.
Schweiz
Zürcher Regierungsrat befürwortet Kopftuchverbot für Schülerinnen
Michael von Ledebur
SVP-Motion wird entgegengenommen — kein Kanton kennt bisher ein solches Verbot. Bundesgericht taxierte 2015 ein Verbot als unverhältnismässig. SP hat Position revidiert und lehnt pauschale Verbote nun ab. Neue SP-Gemeinderätin Vera Çelik wegen Nähe zur türkischen Regierung in der Kritik.
Streit um die Auslegung der 10-Millionen-Initiative
Fabian Schäfer
Sozialpartner und Kantone gegen SVP-Begehren (Abstimmung 14. Juni). Gewerbler: «Künstlicher Bevölkerungsdeckel» belastet KMU. Grosse Frage: Wer kündigt die Personenfreizügigkeit — Parlament (mit Referendumsmöglichkeit) oder Bundesrat (unwiderruflich)? SVP-Fraktionschef Aeschi: «Direkt anwendbar.»
Schweiz bleibt trotz Evakuation aktiv
Selina Berner
Botschafter Bangerter berichtet von elf Tagen unter Beschuss in Teheran: 150–200 Raketen täglich. Ausreise am 11. März nach zehnstündiger Autofahrt. Schutzmachtmandat für US-Interessen bleibt offen. Deza stellt 6,5 Mio. Franken für Libanon und 1 Mio. für Iran bereit.
Kehrtwende der Grünen: Kein Referendum gegen das Entlastungspaket
Fabian Schäfer
Grüne ziehen Referendumsdrohung gegen «Entlastungspaket 2027» zurück. Mehr als die Hälfte der Kürzungen unterstehen gar nicht dem Referendum. Stattdessen wollen sie die geplante Steuererhöhung für die Armee zum Thema machen.
Zu viel Personal und überzogene Fristen
Katharina Fontana
Bundesverwaltungsgericht weist Effizienzkritik zurück, doch Zahlen sprechen dagegen: Gerichtsschreiber um einen Fünftel aufgestockt (179 auf 211), Fallerledigungen aber gesunken. Fünf-Tage-Frist bei Asylverfahren nur in 45% eingehalten, Zwanzig-Tage-Frist nur in 25%.
Nationalrat kritisiert Trumps Aussenpolitik
Tobias Gafafer
Erklärung mit 98 zu 69 Stimmen: Völkerrechtliches Gewaltverbot sei «nicht verhandelbar». SVP dagegen: Symbolische Erklärungen hätten «null Wirkung» und untergrüben die Neutralität. Text erwähnt nur Grönland explizit, zielt aber auch auf Ukraine und Iran.
«Die Schweiz ist für die anderen Länder ein Unsicherheitsfaktor»
Selina Berner (Interview mit Karin Kayser-Frutschi)
KKJPD-Präsidentin fordert nationale Auslegeordnung zur Drohnenabwehr und klare Zuständigkeiten. Massive Zunahme von Cyberangriffen und Spionage in den Kantonen. Kritik an politischem «Hickhack» bei Sicherheitsfinanzierung. Polizeikorps müssen sich spezialisieren statt alles abzudecken.
Öffentliche Fahndung nach unbekannten Tätern
Daniel Gerny
101 Straftäter nach Berner Pro-Palästina-Demo bereits identifiziert. Ab Freitag Bilder von 32 weiteren Gesuchten (zunächst verpixelt, nach einer Woche unverpixelt). 600 000 Franken Sachschäden, Traditionslokal «Della Casa» in Brand gesetzt.
Zürich und Region
Silvia Steiners Albtraum wird Realität
Marius Huber
Volksabstimmung über Lehrerlöhne: SVP und FDP ergreifen Referendum gegen Entlastungspaket von Mitte-links. Kosten: 83 Mio. Franken pro Jahr, 520 zusätzliche Vollzeitstellen. Rund 60 Gemeinden prüfen Behördenreferendum. Bildungsdirektorin fürchtet «Scherbenhaufen».
Olivier Chanson spricht von «weissem Genozid» und «Schuldkult»
Tobias Marti
29-jähriger Kandidat für JSVP-Präsidium Zürich verbreitet Genozid-Video einer AfD-Influencerin und kommentiert Auschwitz-Gedenken als «Schuldkult». Parteivorstand: «Wir teilen einen Grossteil seiner Positionen nicht.» Parteiausschluss eines regionalen Sektionspräsidenten. Jungfreisinnige gehen auf Distanz.
Anklage gegen junge Männer nach Brandserie
Isabel Heusser
Dutzend Brände im Bezirk Affoltern 2024: Scheunen, Schrebergärten, Fahrzeuge. Einer der Täter war bei der lokalen Feuerwehr und posierte mit Fotos seiner eigenen Brände. Allein beim Vollbrand einer Scheune 1,4 Mio. Franken Schaden.
Security-Chef wird wegen Bagatelle gewalttätig
Tom Felber
31-jähriger Sicherheitsfirma-Chef verprügelt 84-jährigen Taxifahrer wegen 7 Franken Stornierung. Augenbrüchenbruch. Bezirksgericht verurteilt zu 16 Monaten bedingt. Richter: «Schämen Sie sich!»
Die Phänomena ist zurück – in Klein
Maria-Rahel Cano
Wissenschaftsausstellung eröffnet in Dietikon mit sechs aufblasbaren Kuppeln statt des geplanten Spektakels. Thema KI und Robotik. Eintritt 25–38 Franken. Tournee bis Biel. Gründer Georg Müller (90): «Ich bewundere meinen Sohn, dass er durchgehalten hat.»
Harsche Kritik am Regierungsrat
Andrea Marti
Parlamentarier monieren unvollständigen Bericht über kantonale Beteiligungen an Axpo, Unispital, Opernhaus und rund 40 weiteren Firmen. 79 Kantonsratsmitglieder wollten Bericht zurückweisen, unterlagen aber mit 96 Stimmen. Regierungspräsident Neukom gelobt Besserung.
Panorama
Der gefallene Jahrhundertkoch
Max Sprick
René Redzepi, Star des «Noma» in Kopenhagen, nach «New York Times»-Recherche zurückgetreten. 35 ehemalige Mitarbeiter berichten von Schlägen, Mobbing und Drohungen zwischen 2009 und 2017. «Wie in den Krieg zu ziehen.» Redzepi: «Es tut mir leid. Ich weiss, wie ich gewesen bin.» Restaurant läuft unter Angestellten weiter.
Polizei geht beim Brand in Kerzers von einem erweiterten Suizid aus
lia.
Neun Personen im Postauto zum Zeitpunkt des Brandes. 65-jähriger Schweizer zündete sich mutmasslich selbst an. Sechs Tote, fünf Verletzte. Passagiertüren funktionierten normal, öffneten sich erst nach Halt. Über 150 Personen nahmen Care-Team-Hilfe in Anspruch.
Der Aargau hält am «Gemeindeammann» fest
Michele Coviello
Grosser Rat lehnt Modernisierung der Amtsbezeichnungen mit 69 zu 64 Stimmen ab. Letzter Kanton mit dem Begriff. Solothurn wechselte 1992, Thurgau 2014. FDP-Gemeindeammännin: «Gemeindeammann ist eine Funktion und nicht die Bezeichnung eines Geschlechts.»
Meinung & Debatte
Bitte weniger Beisshemmung
Beatrice Bösiger
Kommentar zum dritten Jahrestag der CS-Übernahme: Finma braucht nicht mehr Macht, sondern weniger Zurückhaltung. Behörde kann bereits Gewinne einziehen und Berufsverbote aussprechen — muss es aber auch tun. Peinlicher Fall MBaer: Trotz Finma-Ermittlung brauchte es US-Intervention.
Ein Versagen der Politik und der Menschheit
Alexander Görlach (Gastkommentar)
Papst Leo XIV. setzt Friedenstheologie seiner Vorgänger fort. Von Augustinus’ «gerechtem Krieg» zu Franziskus’ «Krieg ist immer Wahnsinn». Als Augustinermönch prädestiniert, die Lehre neu zu denken. Zum Iran-Krieg hielt sich der Amerikaner merklich zurück.
Trump und Merz – zwei lausige Partner
Benedict Neff
Kommentar: Trump appelliert an Beistandspflicht, obwohl Nato für Golfregion nicht zuständig. Merz heuchelt Verbundenheit mit USA/Israel und distanziert sich nach einer Woche wieder. Für das transatlantische Verhältnis ein Alarmzeichen.
Gegenvorschlag zur Neutralitätsinitiative
Georg Häsler
Kommentar: Sich raushalten schützt nicht vor Angriffen — auch Oman wurde von iranischen Drohnen nicht verschont. Sowohl Initiative als auch Gegenvorschlag würden Schweiz militärisch isolieren. «Es braucht eine Drohne, die den Flughafen Zürich trifft — und der Ruf der sicheren Schweiz ist verspielt.»
KI am Gymnasium: Es braucht klare Regeln statt naiven Optimismus
Giorgio Scherrer
Kommentar: 90% der Schweizer Mittelschüler nutzen KI, ein Drittel gibt Antworten als eigene aus. Nur 13% der Lehrpersonen setzen KI produktiv ein, nur jede fünfte Schule hat Regeln. «Schule als inhaltsleeres Theaterstück, zu dem die KI das Skript geschrieben hat.»
Wirtschaft
Wozu einen Uni-Abschluss, wenn es Chatbots gibt?
Christin Severin
In den USA wollen 25% der Arbeitgeber bis Ende 2026 auf formale Abschlüsse verzichten. «Blender können mit KI noch stärker blenden», sagt Wirtschaftspsychologe Fichter. St. Galler Professorin Weibel: Vorstellungskraft, strategisches Zukunftsdenken und Beziehungsfähigkeit werden entscheidend.
McKinsey schockt die VW-Belegschaft
Jannik Belser
Szenario: Nur Wolfsburg und Ingolstadt behalten, acht von zehn deutschen Werken schliessen. Gewinn 2025 um die Hälfte eingebrochen. 50 000 Stellen sollen abgebaut werden. Betriebsratschefin: «Wir sind hier nicht bei Wünsche-dir-was.» Eigentümerfamilie Porsche-Piëch «entsetzt» über Zustand des Konzerns.
Datenzentren fressen zu viel Strom und Wasser
Ulrich von Schwerin
Reportage aus Navi Mumbai: KI-Server verbrauchen 5–6 Mal so viel Strom wie konventionelle. Energieverbrauch der Branche soll sich bis 2030 verfünffachen. In Mumbai werden Datenzentren 2030 ein Drittel allen Stroms verbrauchen. Im angrenzenden Slum fliesst Wasser nur zwei Mal täglich.
Srishti Gupta kann sich bei Idorsia nicht durchsetzen
Dominik Feldges
CEO nach nicht einmal neun Monaten abgesetzt. Gründerpaar Clozel will «Beschleunigung». Aktienkurs bricht 13,8% ein. Analyst: Wechsel «extrem ungünstig». Jean-Paul Clozel (70) übernimmt interimistisch, will aber nicht dauerhaft zurück.
Gerissener Schachzug des Unicredit-Chefs Andrea Orcel
Cornelius Welp
Überraschendes Übernahmeangebot für Commerzbank. Unicredit kontrolliert knapp 30% der Aktien. Aufschlag nur 4% — Orcel will nicht Mehrheit, sondern konstruktive Gespräche erzwingen. Berlin spannt verbalen Schutzschirm, Kanzler Merz und Finanzminister Klingbeil dagegen.
Julius Bär zahlt seinem Chef 23,9 Millionen
Beatrice Bösiger
Stefan Bollinger erhält 8,3 Mio. Salär plus 15,7 Mio. Ablöseentschädigung für entgangene Goldman-Sachs-Vergütung. Theoretisch könnten sich Teile je nach Aktienkurs verdoppeln. Zum Vergleich: UBS-Chef Ermotti erhält 14,9 Mio.
Erdölpreis steigt auf knapp 105 US-Dollar
dpa
Brent bei 104.61 Dollar (+1,5%), Hoch vor einer Woche bei 120 Dollar. Vor Kriegsbeginn lag der Preis bei 73 Dollar. IEA-Mitglieder geben Rekordmenge von 400 Mio. Barrel frei.
Leseempfehlungen
Woronesch sehnt sich nach Normalität
Markus Ackeret
Seltener, naher Blick in eine russische Stadt an der Frontlinie des Alltags
Ackeret gelingt ein Porträt von Woronesch, das unter die Haut geht. Die Millionenstadt, rund 500 Kilometer von Moskau entfernt, grenzt an die Ukraine und erlebt jede Nacht Luftalarm. Eine Sprachlehrerin namens Jekaterina erzählt, wie sie bei Raketenalarm ihre Katze nimmt und sich im Badezimmer versteckt. Im Sommer begannen die Behörden das mobile Internet grossflächig abzuschalten — angeblich gegen ukrainische Drohnen, faktisch aber auch gegen unabhängige Informationsquellen. Im Lebensmittelladen wird jetzt auf WLAN hingewiesen, damit Kunden überhaupt noch mit dem Smartphone bezahlen können. Der Oppositionspolitiker Jegor Toltschejew beobachtet eine dritte Emigrationswelle: Programmierer ziehen nach Serbien, nicht aus politischen Gründen, sondern weil sie dort produktiver arbeiten können. Die Wirtschaft leidet, immer mehr Läden schliessen, die Mehrwertsteuererhöhung stellt die Rentabilität infrage. Und doch glauben die beiden Gesprächspartner nicht an einen Volksaufstand. «Die Leute passen sich an», sagt Toltschejew. Jekaterina spricht das heikelste Thema an: die Rückkehr der Frontsoldaten, vor der sich alle fürchten. «Solange das Regime bleibt, wird sich nichts ändern.»
Iran hat viele Drohmittel
Andreas Rüesch, Jonas Roth
Präzise Erklärung, warum die Strasse von Hormuz trotz US-Armada blockiert bleibt
Rüesch und Roth entfalten das Paradox der amerikanischen Macht an der Meerenge: Zwei Flugzeugträger-Kampfgruppen, Dutzende Kriegsschiffe — und trotzdem keine Kontrolle. Der Artikel listet systematisch Irans Drohmittel auf: 5000 bis 6000 Seeminen, Anti-Schiff-Raketen mit bis zu 1000 Kilometern Reichweite, tausende Schnellboote in Küstenhöhlen und Unterwasserdrohnen wie die «Azhdar», die vier Tage lang lautlos im Wasser schwimmen kann. Besonders aufschlussreich ist das Detail, dass zwei spezialisierte US-Minenräumschiffe kurz vor dem Krieg «aus ungeklärten Gründen» in den Pazifik verlegt wurden — offenbar rechnete das Pentagon nicht mit einer Verminung. Maritimer Sicherheitsexperte Bueger sagt: «Die Idee, dass den Iranern die Minen oder Raketen ausgehen, ist völlig utopisch.» Interessant auch die Eskortierung eines indischen Tankers, die offenbar mit Teheran abgesprochen war, und der Fall des pakistanischen Tankers «Karachi», der auffallend nahe an der iranischen Küste durchfuhr — möglicherweise weil die Hauptroute bereits zu stark vermint ist.
Le Pen nimmt Anlauf auf die Rathäuser
Daniel Steinvorth
Umfassende Analyse der Machtverschiebung in der französischen Kommunalpolitik
Steinvorth zeichnet das Bild einer schleichenden politischen Transformation in Frankreich: Das Rassemblement national kann erstmals ernsthaft in eine der grossen Metropolen vorstossen. In Marseille trennen nur ein Prozentpunkt den linken Amtsinhaber Payan vom RN-Kandidaten Allisio. In Perpignan wurde Marine Le Pens früherer Lebensgefährte mit über 50 Prozent im ersten Wahlgang bestätigt. Doch der Artikel ist differenzierter als eine blosse RN-Erfolgsstory: In Paris liegt der Sozialist Grégoire mit 38 Prozent deutlich vorne, in Lyon liefern sich Grüne und Konservative ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Besonders bemerkenswert ist die Rolle von Mélenchons LFI, die in Saint-Denis schon im ersten Wahlgang gewann und deren Stimmen in der Stichwahl überall entscheidend sein könnten — obwohl die Partei von Sozialisten und Grünen als «toxisch» gilt. Und Macrons Renaissance ist auf kommunaler Ebene fast verschwunden. Gut ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen ein Gradmesser für Frankreichs politische Tektonik.
Der gefallene Jahrhundertkoch
Max Sprick
Die toxische Seite der Spitzengastronomie — am prominentesten Beispiel der Welt
René Redzepi, «ohne Zweifel der einflussreichste Koch der Welt» (Anthony Bourdain), tritt nach 23 Jahren als Leiter der «Noma»-Küche zurück. Die «New York Times» hat Aussagen von 35 ehemaligen Mitarbeitern gesammelt: Schläge ins Gesicht, Stiche mit Küchenutensilien, Drohungen, Familien ausweisen zu lassen. Ein besonders verstörender Vorfall: 40 Mitarbeiter mussten draussen einen Kreis bilden, während Redzepi einen Koch in die Rippen schlug und verlangte, einer müsse laut sagen, er gebe DJs gern Oralsex. Das Muster ist bekannt — raue Umgangsformen in Spitzenküchen als ungeschriebenes Gesetz. Redzepi selbst hatte 2021 der «Süddeutschen Zeitung» gesagt: «In allen Küchen, in denen ich gearbeitet hatte, waren die Chefs aufbrausend.» Sein Instagram-Video wirkt professionell produziert und erweckt den Eindruck, dass er sich weniger mit der Vergangenheit als mit seinem Abgang befasst. Das Restaurant läuft weiter — nun unter den Angestellten, für die der «Krieg» hoffentlich vorbei ist.
KI am Gymnasium: Es braucht klare Regeln statt naiven Optimismus
Giorgio Scherrer
Fortsetzung des Montag-Themas — jetzt als dringender Kommentar mit konkreten Zahlen
Scherrer verdichtet die Befunde seiner Reportage vom Vortag zu einem Kommentar, der Handlungsdruck erzeugt. Die Zahlen der Universität Zürich sind alarmierend: 90 Prozent der Schweizer Mittelschüler nutzen KI, ein Drittel gibt KI-Antworten als eigene aus, aber nur 13 Prozent der Lehrpersonen setzen KI produktiv im Unterricht ein. Nur jede fünfte Schule hat Regeln. Das Ergebnis beschreibt Scherrer als «inhaltsleeres Theaterstück»: Lehrer generieren Aufgaben mit KI, Schüler lösen sie mit KI, alle lesen dieselbe Antwort vor. Der Kommentar benennt die beiden nutzlosen Extreme — Kulturpessimismus und naiver Tech-Optimismus — und fordert Konkretes: bindende Regeln auch für Lehrpersonen, mindestens die Hälfte der Unterrichtszeit ohne elektronische Geräte, und die Tech-Firmen in der Pflicht. Besonders treffsicher: «Das Diskutieren und Erarbeiten von Wissen, gemeinsam, von Angesicht zu Angesicht, ist am Ende das Wertvollste, was die Schule bietet. Es sollte nicht kampflos aufgegeben werden.»
Datenzentren fressen zu viel Strom und Wasser
Ulrich von Schwerin
Der globale KI-Boom und seine greifbaren Folgen — am Beispiel eines Slums neben dem Serverpark
Von Schwerin führt den Leser nach Navi Mumbai, wo die Kontraste der KI-Revolution auf engstem Raum sichtbar werden. Hinter einer Bahnlinie stehen neue Datenzentren mit glatten Fassaden und riesigen Klimaanlagen. Direkt daneben ein Slum, in dem das Wasser nur zweimal täglich fliesst: «Von 12 bis 14 Uhr und von 18 bis 20 Uhr», sagt eine Frau, die auf der Schwelle ihres Hauses Reis wäscht. Der 68-jährige Coiffeur Gangaram Thakur erinnert sich, wie sein Dorf früher rund um die Uhr Wasser hatte. Die Zahlen sind eindrücklich: KI-Server verbrauchen fünf- bis sechsmal so viel Strom wie konventionelle. Der Energieverbrauch der Branche in Indien soll sich bis 2030 verfünffachen. In Mumbai werden die Serverparks dann ein Drittel allen Stroms verbrauchen — fast 80 Prozent davon aus Kohle. 2023 wurden deshalb zwei alte Kohlekraftwerke länger am Netz gelassen, was die ohnehin bedrohliche Luftverschmutzung verschärft. Google plant 15 Milliarden Dollar für einen neuen Serverpark. Die Regierung gewährt Steuerfreiheit bis 2047. Der Durst nach Wasser und Strom wird weiter zunehmen.